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  5. "Arbeiterkind" in der Großkanzlei
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Thema geschlossen

 
"Arbeiterkind" in der Großkanzlei
Genosse123
Unregistered
 
#1
29.06.2022, 13:58
Hallo zusammen,

im Internet (wir lieben es alle) werde ich zunehmend von den Diversity Angeboten sämtlicher Kanzleien "zugespamt". Soweit so gut, find ich alles toggo, nur stört es mich mittlerweile immens (!), dass es nur um Frauen, Menschen mit Migrationshintergrund und LGBTIQ+-Menschen geht. Ja, die haben ihre Lobby verdient, keine Frage. 

Betrifft mich (quasi Max Mustermann in Person) alles nicht, habe aber große Ambitionen, im Job was zu erreichen und mir ist erst in den letzten Jahren bewusst geworden, wie stark mich meine soziale Herkunft (erster mit Abi und Studium, Studium mit Bafög+Nebenjobs finanziert, eigentlich keine relevanten Kontakte geschweige denn "bildungsbürgerliches Benehmen"). Soziale Herkunft wurde vor kurzem sogar glaub ich als Diversity Dimension anerkannt – nur kenne ich leider auch wirklich niemanden in irgendeiner Spitzenposition bei uns, der einen ähnlichen Hintergrund hat, geschweige denn, dass es seitens der Kanzlei ein Interesse an solchen Menschen gibt (sieht man ja auch nicht direkt auf dem Werbeplakat). 

Vielleicht an die anderen "Bauernlümmel" hier: Wie seht ihr das? Stell ich mich hier vielleicht auch einfach zu sehr an?
Die Spitze der Sozialkompetenz
Member
***
Beiträge: 169
Themen: 2
Registriert seit: Dec 2021
#2
29.06.2022, 14:02
Wieso genau sollte der Hintergrund relevant sein?
Der GK-Partner wird dich wohl kaum fragen, ob deine Vorfahren Aristokraten waren.

Die Kontakte, die dir wirklich etwas bringen werden hängen zwar mit dem Bildungsbürgertum zusammen, sind jedoch rar gesät.
Das sind meistens Juristen, die dir mit Vitamin B weiterhelfen können, das betrifft ja nur die wenigstens Akademikerkinder.
Und selbst da: Was soll dieser eine Kontakt auch bringen? Man muss ja trotzdem liefern.
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Gast
Unregistered
 
#3
29.06.2022, 14:14
Also ich finde es auf jeden Fall cool, dass du es als erster aus deiner Familie geschafft hast. Ich würde deswegen keinen roten Teppich ausrollen aber du kannst es doch gut in einem Anschreiben an eine Kanzlei adressieren, wenn du ein paar Sätze zu dir als Person sagst. Spricht auf jeden Fall für dich als harten Arbeiter/Ehrgeiz. Das schadet selten.

Zu den ganzen Programmen und Events: Stress dich deswegen nicht. Die GKs folgen da eigentlich nur dem Zeitgeist und machen das, was die anderen auch machen. Wenn du in einer bist und dir dort Arbeiterkind-Förderung auf die Fahne schreibst, würdest du auch die Gelegenheit bekommen, ein entsprechendes Event zu organisieren.
Gast
Unregistered
 
#4
29.06.2022, 14:36
Das stimmt und es ist wirklich ungerecht.

GKs sind halt nicht aus innerer Überzeugung LGBT+, sondern weil es hip ist bzw. der Markt diese Erwartung hat.

Die Hautfarbe oder Religionszugehörigkeit sind nur einige (leicht erkennbare) Faktoren, die bestimmen, wie steinig der Karriereweg ist.
Genosse123
Unregistered
 
#5
29.06.2022, 14:37
Keine Sorge, ich erwarte nicht, dass man mir den roten Teppich ausrollt und mir erstmal den Drink reicht, weil mein Leben so schlimm war.

Der Beruf meiner Eltern etc hat auch noch nie eine Rolle gespielt, aber in den zwischenmenschlichen Situationen oder beim Small Talk abseits vom Job fällt es mir in letzter Zeit einfach stark auf, dass es da einige Lücken gibt, was so kulturelle Sachen angeht. Natürlich ist mein Partner Kunst-Enthusiast – ich habe vorher noch nie von der Art Basel gehört oder kennen irgendeinen zeitgenössischen Künstler. Gut, ist auch nicht jedermanns Sache, aber es ist nicht so, als hätte ich mir schon den ein oder anderen Spruch gefangen, weil ich nicht jede Gabel, jedes Messer beim Essen richtig verwendet hätte (ist mir auch egal, selbstsicher ignoriert und überspielt   Cool ) , weil irgendwas mit meiner Klamotte nicht stimmte oder ich nicht wie gefühlt jeder zweite in der Kanzlei irgendein Instrument spiele. Ab und an (eher selten) habe ich einfach den Eindruck, dass mich sowas ins Aus schießen könnte. Ja, Leistung, abliefern bla bla, aber irgendwann kommen auch Sympathiepunkte zum Tragen und die werden eben auch in anderen bereichen gesammelt
Gast
Unregistered
 
#6
29.06.2022, 14:43
Du hast völlig Recht: Die soziale Herkunft ist der blinde Fleck der Diversity-Bemühungen.
Ich kann deinen Unmut insofern sehr gut verstehen. Für einen Bildungsaufsteiger wird es erst recht schwierig, wenn andere Diversity-Kriterien zu Karrierevorteilen führen. Zumal es eine meist unausgesprochene Wahrheit ist, dass die soziale Herkunft eine weit größere Hürde ist als das Geschlecht oder die sexuelle Orientierung. Wenn der Druck auf die Kanzleien steigt, die Partnerinnenquote zu erfüllen, wird es für Bildungsaufsteiger also eher schlechter statt besser. Dass die Posten dann an weibliche Bildungsaufsteigerinnen gehen, halte ich für unwahrscheinlich.

Was kann man tun?
Zunächst einmal würde ich das Thema nicht im Bewerbungsverfahren ansprechen. Das Nadelöhr der Großkanzleikarriere ist sowieso nicht der Berufseinstieg.
Wenn du erst einmal in der Kanzlei bist, würde ich mich proaktiv zu diesem Thema positionieren. Das schafft zum einen ein Bewusstsein innerhalb der Kanzlei für dieses Diversitätsmerkmal. Zum anderen ist es eine Form des Selbstmarketings, das in den Zeitgeist passt. Die meisten Kanzleien dürften ein solches Engagement zu schätzen wissen (vgl. zu alldem auch den Vorposter).


(29.06.2022, 14:02)Die Spitze der Sozialkompetenz schrieb:  Wieso genau sollte der Hintergrund relevant sein?
Der GK-Partner wird dich wohl kaum fragen, ob deine Vorfahren Aristokraten waren.

Die Kontakte, die dir wirklich etwas bringen werden hängen zwar mit dem Bildungsbürgertum zusammen, sind jedoch rar gesät.
Das sind meistens Juristen, die dir mit Vitamin B weiterhelfen können, das betrifft ja nur die wenigstens Akademikerkinder.
Und selbst da: Was soll dieser eine Kontakt auch bringen? Man muss ja trotzdem liefern.
Es geht um weit mehr als Kontakte. Nahezu alle Argumente für die Frauenförderung treffen auch bei Bildungsaufsteigern zu. Allein das Problem der Erziehungszeiten besteht nicht. Der Rest kann aber sogar in stärkerem Maß zutreffen. Oder wie viele Partner gibt es, die in Duisburger Plattenbauten oder in ostdeutschen Dörfern aufgewachsen sind? Wer beklagt, dass es zu wenig Partnerinnen als Vorbilder gibt, kann die Probleme der Bildungsaufsteiger nicht zugleich auf fehlende Kontakte reduzieren.
Anon
Member
***
Beiträge: 142
Themen: 0
Registriert seit: Dec 2021
#7
29.06.2022, 14:43
Gibt natürlich viele tolle Diversity-Angebote. Aber am Ende zählt deine Note. Entweder du lieferst im Examen ab, dann kommst du in deine GKs rein. Oder du setzt das Examen in den Sand, dann bringt es dir auch nichts mehr, wenn du trans*BIPOC bist. Für deine spätere GK-Karriere zählt dein Umsatz.

Das schöne am Jurastudium ist ja gerade, dass du am Ende nicht nach deinen Kontakten und/oder Praktika, sondern primär nach deinen Noten beurteilt wirst. Und im Examen bringen den "Bürgerlichen" ihne Kontakte auch nichts.
Schau einfach, dass du während dem Studium viele Kommillitonen kennenlernst. Mit Glück kennst du dann in 10-15 Jahren ein paar Heads of Legal.

Was deine Ettikete/Allgemeinbildung angeht: Lies einfach ein paar Bücher oder mach ein Seminar.
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 29.06.2022, 14:46 von Anon.)
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Gast
Unregistered
 
#8
29.06.2022, 15:13
Was ich viel schlimmer finde: ich habe mich aus einer kompletten Hartz-4-Familie hochgearbeitet und habe es in eine Großkanzlei geschafft. 
Aber wenn ich mehr als 100.000€ verdiene bin ich meinen Eltern zum Unterhalt verpflichtet. Dazu kommen natürlich die 10.000€ Bafög Schulden.
Also unabhängig von den Nachteilen, die man sein Leben lang hatte bringt es einem auch nichts, dass man immer top Noten hatte und Karriere machen will.
Gast
Unregistered
 
#9
29.06.2022, 15:16
(29.06.2022, 14:43)Anon schrieb:  Gibt natürlich viele tolle Diversity-Angebote. Aber am Ende zählt deine Note. Entweder du lieferst im Examen ab, dann kommst du in deine GKs rein. Oder du setzt das Examen in den Sand, dann bringt es dir auch nichts mehr, wenn du trans*BIPOC bist. Für deine spätere GK-Karriere zählt dein Umsatz.

Das schöne am Jurastudium ist ja gerade, dass du am Ende nicht nach deinen Kontakten und/oder Praktika, sondern primär nach deinen Noten beurteilt wirst. Und im Examen bringen den "Bürgerlichen" ihne Kontakte auch nichts.
Schau einfach, dass du während dem Studium viele Kommillitonen kennenlernst. Mit Glück kennst du dann in 10-15 Jahren ein paar Heads of Legal.

Was deine Ettikete/Allgemeinbildung angeht: Lies einfach ein paar Bücher oder mach ein Seminar.

Der TE ist doch anscheinend schon "drin". Und dass es bei der Partnererkennung nur um Umsatz gehen würde, ist schon reichlich naiv.
Gast
Unregistered
 
#10
29.06.2022, 15:22
(29.06.2022, 15:16)Gast schrieb:  
(29.06.2022, 14:43)Anon schrieb:  Gibt natürlich viele tolle Diversity-Angebote. Aber am Ende zählt deine Note. Entweder du lieferst im Examen ab, dann kommst du in deine GKs rein. Oder du setzt das Examen in den Sand, dann bringt es dir auch nichts mehr, wenn du trans*BIPOC bist. Für deine spätere GK-Karriere zählt dein Umsatz.

Das schöne am Jurastudium ist ja gerade, dass du am Ende nicht nach deinen Kontakten und/oder Praktika, sondern primär nach deinen Noten beurteilt wirst. Und im Examen bringen den "Bürgerlichen" ihne Kontakte auch nichts.
Schau einfach, dass du während dem Studium viele Kommillitonen kennenlernst. Mit Glück kennst du dann in 10-15 Jahren ein paar Heads of Legal.

Was deine Ettikete/Allgemeinbildung angeht: Lies einfach ein paar Bücher oder mach ein Seminar.

Der TE ist doch anscheinend schon "drin". Und dass es bei der Partnererkennung nur um Umsatz gehen würde, ist schon reichlich naiv.


Deine Karriere in der GK hängt am Ende an 1-2 Partnern. Die können dich fördern und entwickeln, die können dich aber auch am ausgestreckten Arm verhungern lassen. Sie fördern dich, wenn du gut bist und sie dich mögen. So einfach ist das oftmals.
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