03.01.2023, 21:27
Hallo zusammen,
gefühlt ist ein sehr großer Teil hier in Unternehmen beschäftigt. Da ich diesen Part bisher völlig ignoriert habe - was zur Hölle macht ein Unternehmensjurist bitte inhaltlich/ thematisch? Und was für Konditionen habt ihr dort? Ich lese immer wieder vom Wechsel ins Unternehmen - was hat euch dazu bewogen?
Bitte erweitert meinen Horizont
gefühlt ist ein sehr großer Teil hier in Unternehmen beschäftigt. Da ich diesen Part bisher völlig ignoriert habe - was zur Hölle macht ein Unternehmensjurist bitte inhaltlich/ thematisch? Und was für Konditionen habt ihr dort? Ich lese immer wieder vom Wechsel ins Unternehmen - was hat euch dazu bewogen?
Bitte erweitert meinen Horizont
04.01.2023, 00:04
Ne, es kamen nur in den letzten Tagen vermehrt Threads zu Unternehmen. Gefühlt ist aus meiner Sicht sonst ein großer Teil in der GK :-)
Große Unternehmen haben oft eine Rechtsabteilung. Da ist man rechtlich tätig, nur eben nicht als externer Berater, sondern intern. Man berät z.B. die verschiedenen Fachabteilungen in rechtlichen Dingen, wird gefragt wie man den Sachverhalt beurteilt, erstellt ggf. Verträge usw. Ich selbst bin nicht in der Rechtsabteilung, sondern als Arbeitsrechtlerin in der Personalabteilung und werde bei der Beurteilung diverser Sachverhalte hinzugezogen. Zudem erstelle ich Betriebsvereinbarungen und vertrete die Arbeitgeberseite bei Verhandlungen mit dem Betriebsrat oder mit den Gewerkschaften. Ein anderer Teil meiner Arbeit ist nicht rein rechtlich, sondern geht in Richtung Personalarbeit/Orgakram. Die Stelle war vorher nicht juristisch besetzt, aber da viel Arbeit mit Gesetzen erforderlich ist und der Großteil meiner Kollegen in gleicher Position in den anderen Konzerngesellschaften ebenfalls Volljuristen sind, wurde gezielt ein Volljurist gesucht.
Ich bin ins Unternehmen gegangen, weil bei mir nach einigen Jahren Berufserfahrung die Frage anstand, wie ich weitermachen will. Kanzlei oder Unternehmen? Viele Kanzleien wollten mich aufgrund meines schlechten 2. Examens nicht, obwohl ich mit meinem Profil im Übrigen perfekt auf die Stelle gepasst hätte, also wurde es letztlich ein Unternehmen. Und nun ja, dass die WLB im Unternehmen sehr viel besser ist als in vielen Kanzleien, ist glaube ich ein offenes Geheimnis. Das war mir mit zwei kleinen Kindern sehr wichtig, denn mit Kindern kann man nicht bis 19 Uhr arbeiten, wenn man etwas von ihnen haben möchte.
Das Gehalt ist für Otto-Normal-Verbraucher sehr gut, kann aber nicht mit den Gehältern in GKen mithalten. Muss es für mich nicht. Zusammen mit meinem etwa gleich viel verdienenden Mann sind wir finanziell an einem Punkt angelangt, an dem mehr Geld kaum noch eine Rolle spielt. Wir brauchen nicht mehr als das was wir haben. Ok, geringfügig mehr darf es schon noch sein, um das Leben noch einfacher zu gestalten, aber es kommt der Punkt, an dem man gar nicht so viel ausgeben kann, wie man verdient (wenn man keine Rolex und andere teure Statussymbole braucht). Diesen Luxus brauchen wir nicht und wollen unsere gewonnene Zeit nicht dafür opfern.
Achso: ich muss zudem keine billable hours mehr erfassen
Das habe ich als Anwältin gehasst, wenn ich nicht gerade ein Projekt hatte, bei dem ich den ganzen Tag auf's Projekt buchen konnte, sondern jeden kleinen Sch** extra erfassen musste.
Große Unternehmen haben oft eine Rechtsabteilung. Da ist man rechtlich tätig, nur eben nicht als externer Berater, sondern intern. Man berät z.B. die verschiedenen Fachabteilungen in rechtlichen Dingen, wird gefragt wie man den Sachverhalt beurteilt, erstellt ggf. Verträge usw. Ich selbst bin nicht in der Rechtsabteilung, sondern als Arbeitsrechtlerin in der Personalabteilung und werde bei der Beurteilung diverser Sachverhalte hinzugezogen. Zudem erstelle ich Betriebsvereinbarungen und vertrete die Arbeitgeberseite bei Verhandlungen mit dem Betriebsrat oder mit den Gewerkschaften. Ein anderer Teil meiner Arbeit ist nicht rein rechtlich, sondern geht in Richtung Personalarbeit/Orgakram. Die Stelle war vorher nicht juristisch besetzt, aber da viel Arbeit mit Gesetzen erforderlich ist und der Großteil meiner Kollegen in gleicher Position in den anderen Konzerngesellschaften ebenfalls Volljuristen sind, wurde gezielt ein Volljurist gesucht.
Ich bin ins Unternehmen gegangen, weil bei mir nach einigen Jahren Berufserfahrung die Frage anstand, wie ich weitermachen will. Kanzlei oder Unternehmen? Viele Kanzleien wollten mich aufgrund meines schlechten 2. Examens nicht, obwohl ich mit meinem Profil im Übrigen perfekt auf die Stelle gepasst hätte, also wurde es letztlich ein Unternehmen. Und nun ja, dass die WLB im Unternehmen sehr viel besser ist als in vielen Kanzleien, ist glaube ich ein offenes Geheimnis. Das war mir mit zwei kleinen Kindern sehr wichtig, denn mit Kindern kann man nicht bis 19 Uhr arbeiten, wenn man etwas von ihnen haben möchte.
Das Gehalt ist für Otto-Normal-Verbraucher sehr gut, kann aber nicht mit den Gehältern in GKen mithalten. Muss es für mich nicht. Zusammen mit meinem etwa gleich viel verdienenden Mann sind wir finanziell an einem Punkt angelangt, an dem mehr Geld kaum noch eine Rolle spielt. Wir brauchen nicht mehr als das was wir haben. Ok, geringfügig mehr darf es schon noch sein, um das Leben noch einfacher zu gestalten, aber es kommt der Punkt, an dem man gar nicht so viel ausgeben kann, wie man verdient (wenn man keine Rolex und andere teure Statussymbole braucht). Diesen Luxus brauchen wir nicht und wollen unsere gewonnene Zeit nicht dafür opfern.
Achso: ich muss zudem keine billable hours mehr erfassen
Das habe ich als Anwältin gehasst, wenn ich nicht gerade ein Projekt hatte, bei dem ich den ganzen Tag auf's Projekt buchen konnte, sondern jeden kleinen Sch** extra erfassen musste.
04.01.2023, 09:13
Was Egal sagt.
Hinzu kommt, dass in einem guten Unternehmen doch eine andere Atmosphäre herrscht als in Kanzleien. Ich jedenfalls bin froh, nicht nur mit karriereorientierten Juristen zu tun zu haben.
Hinzu kommt, dass in einem guten Unternehmen doch eine andere Atmosphäre herrscht als in Kanzleien. Ich jedenfalls bin froh, nicht nur mit karriereorientierten Juristen zu tun zu haben.
04.01.2023, 10:08
Ich kann das mit der Atmosphäre auch bestätigen.
Meine ausschlaggebenden Punkte waren
- 38 Stunden Woche
- Gleitzeit
- flexible Home Office Möglichkeiten
- kein Billable Druck mehr
- keine Arbeit im Urlaub oder während Erkrankung
- keine nervigen Mandanten mehr
- keine Reisen quer durch Deutschland.
Also wie man sieht ging es mir um die äußeren Umstände und die Work Life Balance bzw. die Arbeitsatmosphäre. Ob die Tätigkeit an sich jetzt mehr Spaß bringt muss jeder selbst wissen. Das muss man ausprobieren. Wer auch gern Mal eine Transaktion begleitet, Schriftsätze und Gutachten schreibt und sich an richtig schwierigen rechtlichen Fragen festbeißt, ist sicherlich im Anwaltsberuf gut aufgehoben.
Wer sich als ein Generalist, versteht, der sich nicht schnell unterfordert fühlt, der gern den Überblick behält und schwere Sachen lieber abgeben möchte, wird vielleicht eher im Unternehmen glücklich.
Meine ausschlaggebenden Punkte waren
- 38 Stunden Woche
- Gleitzeit
- flexible Home Office Möglichkeiten
- kein Billable Druck mehr
- keine Arbeit im Urlaub oder während Erkrankung
- keine nervigen Mandanten mehr
- keine Reisen quer durch Deutschland.
Also wie man sieht ging es mir um die äußeren Umstände und die Work Life Balance bzw. die Arbeitsatmosphäre. Ob die Tätigkeit an sich jetzt mehr Spaß bringt muss jeder selbst wissen. Das muss man ausprobieren. Wer auch gern Mal eine Transaktion begleitet, Schriftsätze und Gutachten schreibt und sich an richtig schwierigen rechtlichen Fragen festbeißt, ist sicherlich im Anwaltsberuf gut aufgehoben.
Wer sich als ein Generalist, versteht, der sich nicht schnell unterfordert fühlt, der gern den Überblick behält und schwere Sachen lieber abgeben möchte, wird vielleicht eher im Unternehmen glücklich.
04.01.2023, 10:16
(04.01.2023, 10:08)Privog schrieb: Ich kann das mit der Atmosphäre auch bestätigen.
Meine ausschlaggebenden Punkte waren
- 38 Stunden Woche
- Gleitzeit
- flexible Home Office Möglichkeiten
- kein Billable Druck mehr
- keine Arbeit im Urlaub oder während Erkrankung
- keine nervigen Mandanten mehr
- keine Reisen quer durch Deutschland
-
Das kann ich für mich leider nicht ganz bestätigen. Ich bin auch Syndikusanwältin, allerdings nicht direkt im Unternehmen.
Für mich war auch WLB ausschlaggebend. Allerdings habe ich ein eher breites Themengebiet und daher 40h, viele Dienstreisen und leider auch Arbeit im Urlaub und während Krankheit - ist aber der Tätigkeit und fehlenden Vertretungsregeln geschuldet.
Ansonsten finde ich durchaus, dass man wesentlich mehr im Team arbeitet und aus meiner Sicht mehr Verantwortung (schon von Beginn an) übernehmen kann.
Ansonsten waren wie bei den anderen ausschlaggebend: Arbeitszeit, Homeoffice, Gleitzeit, betr. AV, 10 Kinderkranktage (überhaupt Rücksicht auf Eltern), Betriebsrat, kein Billable-Druck
04.01.2023, 12:12
Was man auch nicht unterschätzen sollte, ist der präsente interne Druck, bestimmte Entscheidungen zu treffen oder abzusegnen. Als Rechtsanwalt ist man freier, da man nur berät und selbst keine Entscheidung trifft.
Davon können die wahrscheinlich mehrere Hundert Juristen aus Rechts- und Complianceabteilungen von Finanzinstituten ein Lied singen, die irgendwas mit cum/ex durchgewunken haben (weil sie faktisch keine andere Wahl hatten und die Konstruktionen wahrscheinlich nicht vollständig gerafft haben) und nun Beschuldigte sind.
Davon können die wahrscheinlich mehrere Hundert Juristen aus Rechts- und Complianceabteilungen von Finanzinstituten ein Lied singen, die irgendwas mit cum/ex durchgewunken haben (weil sie faktisch keine andere Wahl hatten und die Konstruktionen wahrscheinlich nicht vollständig gerafft haben) und nun Beschuldigte sind.
04.01.2023, 12:43
Kann ich nicht bestätigen. Als RA entscheidet man faktisch alles und ist dann auch verantwortlich dafür (Ausnahme GK). Im Unternehmen muss alles von 4 Instanzen abgesegnet werden. Entscheiden darf man da sehr wenig, wenn man nicht gerade General Counsel ist.
04.01.2023, 12:57
05.01.2023, 09:27
(04.01.2023, 12:43)guga schrieb: Kann ich nicht bestätigen. Als RA entscheidet man faktisch alles und ist dann auch verantwortlich dafür (Ausnahme GK). Im Unternehmen muss alles von 4 Instanzen abgesegnet werden. Entscheiden darf man da sehr wenig, wenn man nicht gerade General Counsel ist.
So sieht’s aus.
Mir ist noch ein Punkt eingefallen, warum ich nicht als RA tätig sein will. Mir macht reines Jura nicht so viel Spaß. Ich bin auch ein mittelmäßig guter Jurist, nicht herausragend. Und das ständig vor Augen geführt zu bekommen (gerade in GK sind doch einige fachlich extrem gut) ist auch wenig erfreulich.
Im Unternehmen kann ich meine Stärken entfalten und erhalte viel mehr positive Bestätigung, weil mir die Tätigkeit sehr liegt.
05.01.2023, 20:45
Wow, danke für eure große Resonanz!
In Sachen Rahmenbedingungen scheint es ja recht einstimmig zu sein. Darf ich fragen, was ihr inhaltlich so treibt? Ich kenne bisher eigentlich nur Behörden oder die ein oder andere kleinere Kanzlei. Ich verbinde Unternehmen automatisch mit Arbeitsrecht oder Datenschutz zb....ist das so? Wie vielseitig sind eure Aufgaben? Wie oft seid ihr bei Gericht? Wie viel Zeit habt ihr für eure Aufgaben?
In Sachen Rahmenbedingungen scheint es ja recht einstimmig zu sein. Darf ich fragen, was ihr inhaltlich so treibt? Ich kenne bisher eigentlich nur Behörden oder die ein oder andere kleinere Kanzlei. Ich verbinde Unternehmen automatisch mit Arbeitsrecht oder Datenschutz zb....ist das so? Wie vielseitig sind eure Aufgaben? Wie oft seid ihr bei Gericht? Wie viel Zeit habt ihr für eure Aufgaben?










