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Warum sollte man das Ref überhaupt machen?
Lennart
Junior Member
**
Beiträge: 1
Themen: 1
Registriert seit: Feb 2026
#1
05.02.2026, 15:54
Liebe Forenmitglieder,

ich bin derzeit sehr verunsichert, ob ich – falls mir vom OLG  mal ein Platz angeboten wird – das Referendariat antreten sollte, und würde mich über eure Einschätzungen freuen.

Ich habe im vergangenen Jahr mein erstes Examen in NRW abgelegt (6 Punkte in der staatlichen Pflichtfachprüfung, 11 Punkte im Schwerpunkt IT-Recht). Aufgrund der aktuellen Wartezeit von etwa 1,5 bis 2 Jahren arbeite ich derzeit im IT-Recht bei einer Unternehmensberatung (ca. 60.000 € brutto) und absolviere parallel über meinen Arbeitgeber zertifizierte Fortbildungen in diesem Bereich.

Mir ist bewusst, dass der Volljuristentitel auch Vorteile hat. Gleichzeitig erstaunt es mich, wie viele – scheinbar ohne größeres Hinterfragen – nach der langen Wartezeit selbstverständlich ins Referendariat gehen.

Meine Zweifel betreffen insbesondere folgende Punkte:

  1. Wozu wieder alles lernen?
    Das Referendariat umfasst erneut das gesamte juristische Spektrum, obwohl ich mich bereits jetzt und auch künftig ausschließlich in einer speziellen Nische (IT-Recht) bewege. Schon für das erste Examen habe ich monatelang enorme Stoffmengen gelernt, von denen ich heute praktisch nichts mehr benötige. Selbst der thematisch passende Schwerpunkt im Studium hat mir beruflich bislang nur begrenzt weitergeholfen. Auch wenn man im Referendariat nicht mehr alles auswendig können muss, bedeutet es dennoch, sich wieder intensiv mit sehr vielen (neuen) Themen zu befassen, die für (m)einen typischen beruflichen Weg in einem spezialisierten Gebiet kaum relevant erscheinen.
  2. Auch praktisch falsche Schwerpunkte?
    Die Tätigkeit in der Gerichtsbarkeit interessiert mich nur bedingt. Zwar fände ich es nicht völlig uninteressant, einmal als Sitzungsvertreter der Staatsanwaltschaft aufzutreten, allerdings frage ich mich, welchen konkreten Mehrwert dies für meine weitere berufliche Entwicklung hätte. Die für mich wohl gewinnbringendste Station – die Anwaltsstation – spielt im Ref gefühlt eine untergeordnete Rolle, auch wegen des Tauchens.
  3. Staatsdienst eh schon ausgeschlossen
    Zudem erschließt sich mir nicht, weshalb im Referendariat so stark aus Richter- und Staatsanwaltsperspektive ausgebildet wird, wenn eine Übernahme in den Staatsdienst angesichts meiner Noten - wie bei den allermeisten - realistisch kaum in Betracht kommt. Sowohl meine eher bescheidenen Ergebnisse im ersten Examen als auch mein nicht geradliniger Lebenslauf werden zudem mal wieder den Prüfern bekannt gegeben, und ich habe bereits im 1. Examen eine starke Orientierung an diesen eigentlich unerheblichen Faktoren erlebt. Einige Dozenten, die auch im 2. Examen prüfen, sagen zu uns im Rep ganz offen, dass sich die Noten im 2. Examen kaum signifikant vom 1. Examen unterscheiden. Schon allein, dass die diese Einstellung haben, stört mich. Aber ich fürchte, dass da unabhängig von dieser etwas Wahres dran sein wird. Ich denke, ich hatte im 1. Examen Pech und bin zu streng beurteilt worden und würde gerne das 2. als "Rehabilitation" antreten, aber die Bedingungen sind schon wieder so ungünstig, als wäre das Schicksal durch sie vorformuliert.
  4. Gehalt & Verantwortung
    Wenn ich in meinem Jobumfeld und bei Stellenanzeigen so schaue, stelle ich fest: Zwar verdienen Volljuristen in der Regel mehr, tragen dafür aber (meinem Empfinden nach) häufig auch deutlich mehr Verantwortung. Netto fällt der Unterschied oftmals gering aus; bei Bekannten liegt die Differenz zu Diplomjuristen bei etwa 350 € netto monatlich. Schon zwischen LLM. Studium im Ausland und 1. Staatsexamen im Inland wird gehaltstechnisch kaum unterschieden - bei den Betrieben, bei denen ich arbeite oder gearbeitet habe sogar gar nicht.

    Während des Referendariats erhält man hingegen lediglich rund 1.200 € Unterhaltsbeihilfe Netto und soll davon zusätzlich noch kostenintensive Kommentare anschaffen. Ich könnte auch in den nächsten Jahren nicht in eine größere Wohnung umziehen, weil ich die mir während des Refs diese nicht mehr leisten könnte und wieder ausziehen müsste. Das geringe Gehalt und die lange Wartezeit erschweren somit die private Lebensplanung.
  5. Prüfungsrisiko
    Schließlich ist ja das Bestehen des zweiten Examens keineswegs sicher; etwa 20 % fallen in NRW durch. Angesichts der Tatsache, dass dort überwiegend sehr leistungsstarke Kandidaten mit Einserabi und bestandenem Examen sowie Berufserfahrung sitzen, erscheint mir diese Quote sehr, sehr hoch.

    Ich habe bereits im ersten Examen psychisch stark gelitten, konnte die Belastung damals jedoch durch das Abschichten der Prüfungen etwas abfedern. Im zweiten Examen bestehen diese Möglichkeiten nicht, und in NRW wurde zuletzt sogar die Zeit bis zur mündlichen Prüfung verkürzt. Insgesamt wirken gerade die jüngsten Reformen eher verschärfend als entlastend. Damit kommt mit das Ref als durchschnittlicher Jurist fast wie Lottospielen vor.
Übersehe ich da etwas!? Ich freue mich über eure Erfahrungen und Einschätzungen, insbesondere von Personen, die sich früh spezialisiert haben oder das Referendariat aus ähnlichen Gründen kritisch sehen und dennoch das Ref angetreten haben.

Vielen Dank im Voraus!
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Warum sollte man das Ref überhaupt machen? - von Lennart - 05.02.2026, 15:54
RE: Warum sollte man das Ref überhaupt machen? - von nachdenklich - 05.02.2026, 16:27
RE: Warum sollte man das Ref überhaupt machen? - von jurameuhle - 05.02.2026, 18:17
RE: Warum sollte man das Ref überhaupt machen? - von Praktiker - 05.02.2026, 22:44


 

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