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Persönliche Eindrücke Großkanzlei
Neuer-Schatten
Junior Member
**
Beiträge: 13
Themen: 1
Registriert seit: Mar 2025
#20
29.07.2025, 00:06
Nein, es ist nicht banal, alles loszulassen. Und es klingt auch nicht banal, wenn TE schreibt, dass es schwer sei, alles loszulassen. Trotz der Nachteile. Manche Menschen führen über Jahrzehnte toxische Beziehungen. Manch einer ist abhängig von schweren Drogen, und schafft trotz starker Nachteile nicht oder nicht einfach den Absprung. Warum sollte es also leicht sein, sein berufliches Umfeld und den Identität gebenden Beruf aufzugeben? Erst Recht, wenn das Leben auf hohe regelmäßige Zahlungseingänge ausgerichtet ist. Und wenn das eigene Umfeld einen dafür schätzt. Beides sollte man daher möglichst vermeiden und sich daran erinnern, dass man auch mal kein Anwalt aber genauso viel wert war. Ob es einfach ist, den Kollegen Adieu zu sagen, dürfte davon abhängen, wie es mit den Kollegen so ist.

Zum Thema berufliches Umfeld: sicherlich problematisch, alles über einen Kamm zu scheren. Wenn man google „anschmeißt“ und nach Rechtsanwaltspersönlichkeit befragt, gelangt man schnell zu Larry Richard, der herausgefunden haben möchte, dass Anwälte häufig folgende Eigenschaften aufweisen:

- hohe Skepsis,
- hoher Antrieb,
- viel abstraktes Denken,
- hohes Autonomiebedürfnis,
- geringe Kontaktfreudigkeit und
- geringe Resilienz.

Mit anderen Worten: mißtrauischer Einzelgänger, der alles besser weiß und leicht kränkbar ist. Daher wenig verwunderlich, was TE im beruflichen Umfeld ausgemacht haben möchte. Teilweise wird auch der Vergleich zu Katzen gezogen.

Zu mir passen die Eigenschaften übrigens auch ganz gut. Ich bin eine Katze, die allein kommt, kurz verweilt und dann auf einmal weg ist. Soll hier kein Anwaltsbashing sein. Ich vertraue mich zwei, drei Kolleginnen an, den Rest genieße ich mit Vorsicht. Es gibt sicherlich Ausnahmen, aber es gibt auch kanzleiintern Kollegen, die es nicht gut mit mir meinen und alles weitererzählen oder sich zumindest merken und ggf. einmal gegen mich verwenden würden. Da ich weiß, dass sie so sind, bin ich zu den meisten sehr verschlossen. Das Ganze verstärkt sich selbst. Vielleicht bin ich noch am ersten Tag aufgeschlossen gewesen und hatte nur die Veranlagung dazu, aber in dem Umfeld führt das eine zum anderen und ich bin damit sicherlich nicht allein. Manche meinen auch, die Ausbildung hätte uns dazu gemacht. 

Jetzt gibt es in den vorigen Beiträgen ein paar Ausnahmen. Insbesondere heißt es dort, in den großen deutschen Mittelstandskanzleien sei alles anders. Milch und Honig sollen da offenbar fließen. Von Perspektiven wird da gesprochen. Teilweise ist von Zielen und dem Sinn des Lebens die Rede. Ihr wisst es ja bereits, ich bin skeptisch. Wenn ihr mich fragt: Geld einsammeln und dann nach ein paar Jahren auscashen. Die berufliche Tätigkeit ist spannend aber das Umfeld macht es unerträglich.

Klar ist es sinnvoll Ziele und Perspektiven zu haben und ein Traum-Chef ist wohl ein Traum-Chef. Aber das Setting ist wohl auch das Setting: alles ist (angeblich) super wichtig, man darf (angeblich) keine Fehler machen und was für dich richtig ist, ist für den Kollegen schon aus Prinzip falsch, schließlich wissen alle alles besser, sonst wären sie ja nicht so super erfolgreich. Ich finde es ehrlich gesagt ziemlich lächerlich. Und man mag einen guten Chef haben, von mir aus. Aber mit zunehmender Zeit wird man auch mal für die anderen Partner arbeiten dürfen. Wenn dann der Managing Partner beim Mega-Deal im Lead ist, merkt man, dass es unter dem Flügel des Drachen sehr warm werden kann.

Ich habe noch nichtmal viel gelernt im Studium, und es irgendwie geschafft, oben mitzuschwimmen. Ich habe sogesehen nicht so so viel investiert, sodass auch „der Ertrag“ überschaubar sein darf. Die Kollegen haben aber (nach eigener Aussage) richtig reingekloppt im Studium und danach noch promoviert und im Ausland gemeistert. Das muss sich ja irgendwie auszahlen. Jedenfalls haben sie (nach meiner Küchenpsychologie) so krasse versteckte Minderwertigkeitskomplexe und ein Geltungsbedürfnis, dass es einfach keinen Spaß macht.

Ist bei mir sicherlich nur der oft bemühte Einzelfall und alles Folge der eigenen Einstellung. Ja, glaube schon, dass es bessere Teams als mein Team gibt und ich leider gut ins Team passe.

Der einzige der von GK wirklich profitiert ist der Mandant. Der bezahlt nur die Rechnung. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Der GK-Anwalt freut sich bei Berufseinstieg zu einem vermeintlich erlesenen Kreis zählen zu dürfen und trägt zu Beginn mit gewissen Stolz das gestärkte Hemd. Aber wenn er noch nicht ganz den Zugang zu sich selbst verloren hat (was offenbar immer öfter vorkommt und Selbstschutz ist), bemerkt er irgendwann, wenn er aus dem 20. Stock aus den Fenstern schaut, Dinge am Horizont zu sehen, die er nicht versteht. Vielleicht hilft es ihm klarer zu sehen, wenn er mal mit dem Sekretariat redet, wo das juristische Gedankenkonstrukt nicht Teil der eigenen Identität geworden ist. Denn die Sekretärin flüstert leise, „Alles Scheiße, alles Scheiße“.
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 29.07.2025, 09:06 von Neuer-Schatten.)
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