29.03.2025, 14:14
(28.03.2025, 15:35)NewNRW24 schrieb: Ich bin der festen Überzeugung, dass man das Examen besteht, wenn man dies mühevoll durcharbeitet (und alle weiteren nicht von mir erwähnten Fächer). Aber wie man vermutet, braucht das Zeit, leider sogar viel Zeit.
So ist es. Es gibt sie, diese vereinzelten Überflieger, die alles schnell auf Anhieb verstehen und die Materie durchdringen. Für die allermeisten von uns gilt dies aber eben nicht.
Jura ist und bleibt ein Fleißstudium. Man erntet letztlich was man sät. Viele Volljuristen die da draußen rumlaufen sind alles andere als Experten und auch schon viele Menschen, denen man dies nach einer Begegnung nicht zutrauen würde, haben dieses Studium bereits geschafft, weil sie eben fleißig gewesen sind. Fleiß, damit ist gemeint die Zeit zu investieren, den Stoff zu durchdringen, zu wiederholen und anzuwenden. Das Lernen im Jurastudium ist ein Dreiklang aus
1. Neues Erlernen
2. Bekanntes Wiederholen
3. Praktische Anwendung des Wissens.
und dabei überschneiden und ergänzen ergänzen sich diese Faktoren immer wieder (Praktische Anwendung ist gleichbedeutend mit einer Wiederholung). Und gleichzeitig bedürfen diese Faktoren auch einander. Ohne neues zu Erlernen wird man niemals eine entsprechende Tiefe in Klausuren erreichen und ohne Wiederholung wird man das neu Erlernte alsbald wieder vergessen und im Falle der praktischen Anwendung nicht im Präsenzwissen haben.
Darüber wie man lernt lässt sich trefflich streiten und es gibt nicht den richtigen und falschen Weg. Der einzig falsche Weg ist der, den ich auch lange Zeit gemacht habe: Sich den Kopf darüber zu zerbrechen, was denn die richtige Lernmethode ist - statt einfach mal anzufangen zu lernen und es auszuprobieren. Während des Lernens wird man feststellen, ob das was man gerade tut, sei es zuhören, lesen, mitschreiben, zusammenfassen, ein eigenes Skript schreiben, Karteikarten erstellen etc. einem etwas bringen oder nicht. Keinen Lerneffekt gibt es dabei nicht. Manche Wege sind aber eben produktiver als andere. Und dies findet man nur raus, indem man es eben tut. Das entscheidende im Jurastudium ist nämlich diesen Weg zu gehen - wohl wissend, das man das Endziel, alles zu wissen niemals erreichen wird. Es hilft an dieser Stelle mental wirklich sehr, sich das einmal vor Augen zu führen: Niemand wird jemals alles Erlernen. Und darum geht es auch nicht. Das Examen ist wie ein Wurf mit Dartpfeilen auf eine Weltkarte: Landet der Fall in New York, solltest du fit im Thema sein. Landet der Pfeil irgendwo in Sibirien solltest du zumindest einen Plan haben, wo du dich befindest und deinen Handwerkskasten auspacken.
Zu Beginn meines Studiums sah ich diesen riesigen Juraberg aber auch ständig vor mir und ganz oben das Examen. Ich hatte keine Ahnung, wie ich diesen jemals erklimmen sollte, war ich doch schon mit sowas wie inneren und äußeren Tatbeständen einer Willenserklärung überfordert. Ich weiß es noch, als wäre es gestern gewesen: Ich habe die Vorlesung verlassen und habe im Auto alleine geheult. Wie soll ich mir das alles merken? Und wie soll ich jemals diese schiere Masse können?
Fakt ist aber: Niemand wird das alles jemals alles können. Die Professoren nicht, die Praktiker nicht, die Referendare und Studis erst Recht nicht. Und darum geht es im Jurastudium auch nicht. Es hilft an dieser Stelle manchmal den Blick genau zu diesem Punkt zurückzuwerfen, den wir alle einmal hatten. An den Anfang unserer Ausbildung und sich mit dem Heute zu vergleichen. Während wir immer diesen riesigen Berg vor uns sehen, nach wie vor, verkennen wir dabei, wie weit wir es schon geschafft haben. Lese ich heute meine Grundstudiumsklausuren muss ich lachen und frage mich, wer das bitte geschrieben hat. Wir alle haben schon einen Weg geschafft. Und genau darum geht es im Jurastudium: Die Grundlagen zu erlernen, das Handwerkszeug diesen Weg auf dem Juraberg zu bestreiten.
Dieses Erlernen des Handwerkszeug funktioniert aber nur, wenn man sich auf den Weg macht. Ich vergleiche das Jurastudium gerne mit dem Erlernen eines Instruments. Wenn ich mich heute ans Klavier setze, könnte ich ein paar Tasten klimpern, mehr nicht. Nach gewisser Zeit, kann ich irgendwann erste leichte Melodien spielen. Nach langer Zeit, vielleicht sogar Jahren evtl. richtige anspruchsvolle Lieder. Aber es kostet mich vor allen Dingen eines: Zeit. Und d.h. die Bereitschaft, üben zu wollen, mich auf das Instrument einlassen zu wollen und besser werden zu wollen. Fleiß. Das ist im Jurastudium nicht anders.
Diese investierte Zeit, zum Erlernen neuen Wissens, zum Wiederholen des vorhandenen Wissens und zur Anwendung des eigenen Wissens um eben "Lieder zu spielen", d.h. Klausuren zu lösen, wie es von uns erwartet wird und mit diesem Erwartungshorizont vertraut zu werden, diese Zeit ist der Schlüssel zum erfolgreichen Studium. Und genau daran scheitern in meinen Augen sehr viele Studenten. Ich merke das vor dem Hintergrund langer Nachhilfeerfahrung sehr oft (und natürlich auch aus meiner eigenen als Student), dass es vielen Studis an eben dieser Bereitschaft fehlt. Man nimmt eine Vorlesung mit und das war's. Oder man macht den Nachhilfeunterricht und wiederholt nichts, sodass man eine Woche später wieder alles erneut durchkauen muss, da bereits wieder vergessen. Habe ich als Student nicht anders gemacht. Klausuren lösen oder gar auch mal ausschreiben? Keine Lust. Man sollte im Studium aber spätestens bis zur Examensvorbereitung für sich diese Frage klären, ob man diese Bereitschaft hat, die notwendige Zeit in dieses Projekt zu investieren. Viele Studienabbrüche haben letztlich nämlich genau damit zu tun. Dass die innere Bereitschaft fehlt einen Teil des eigenen Lebens für dieses Projekt zu investieren, während ehemalige Schulkollegen oft schon fertig sind, Geld verdienen, heiraten oder gar Kinder bekommen. Und auch wenn im Examen der Faktor Glück eine nicht unwesentliche Rolle spielt, so lässt sich aber eben dieser Fleiß und diese Bereitschaft auch ein wenig an den Examensergebnissen ablesen.
Nun ist natürlich bei der Threaderstellerin die besondere Ausgangssituation zu berücksichtigen. Entscheidend ist in meinen Augen aber letztlich eine ganz einfache Frage: Ist die Bereitschaft vorhanden, diesen steinigen und langen Weg wirklich zu gehen. Denn Zeit ist ein relativer Begriff. Manche schaffen ihr Studium unter der Regelstudienzeit, manche brauchen mehrfach so lange. Manche sind bei ihrem Abschluss Anfang Mitte 20, manche sind 40 oder 50. Blendet man manche Berufe in der Justiz aus, die aufgrund der Verbeamtung an gewisse Altersgrenzen gebunden sind, spielt das Alter meiner Erfahrung nach nur eine untergeordnete Rolle. Entscheidender ist da die Nachvollziehbarkeit des Lebenslauf und nicht zuletzt die Examensnote. Ich selbst hatte am Ende aus familiären Gründen eine 2 vorne stehen was meine Semesterzahl angeht, habe mein 1. Examen zweimal geschrieben und bestanden (das erste mal mit 32 und das Alter spielt außer für mich selbst überhaupt keine Rolle). Was meine ich damit? Liebe Threaderstellerin: Wenn du das Examen wirklich willst, dann nimm dir mit Blick auf die Examensvorbereitung die Zeit die du brauchst. Jeder geht sein eigenes Tempo und seinen eigenen Weg. Und dafür, dass du etwas länger brauchst gibt es eben die besten Gründe der Welt. Völlig egal also, wie lange deine Examensvorbereitung dauert. Wichtig ist, dass du am Ball bleibst und dich bei dem, was du tust, reinhängst. Und dir aber gleichzeitig auch nicht etwas vorgaukelst. Strecke den Stoff und schau, dass du deinen eigenen Rhythmus findest. Und auch wenn der Weg dann etwas oder gar beträchtlich länger dauert. Völlig egal. Interessiert am Ende niemanden.
Man kennt sie ja, diese Geschichten von den Studis, die in der Examensvorbereitung von morgens bis Abends in der Bib sitzen und fleißig lernen. Die uns, die wir ein solches Pensum nicht schaffen, ein schlechtes Gewissen machen. Ich habe zwar keine Kinder, hatte aber auch meine familiären Gründe, warum ich nicht immer so lernen konnte, wie es laut "Lehrplan" das beste gewesen wäre. Dennoch habe ich meinen eigenen Rhythmus gefunden. Und ganz offen, manchmal, und das nicht mal selten, hatte ich auch Tage dabei, wo ich einfach nicht konnte oder auch einfach mal keinen Bock hatte, mich hinzusetzen und zu lernen. Aber ich wusste, wenn ich dann mal die Zeit habe und wirklich im guten Flow bin, dann mach ich eben auch mal etwas länger, als pünktlich um X Uhr Feierabend zu machen. Und wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, ging das den allermeisten im Studium und in der Examensvorbereitung so. Wir sind letztlich alles nur Menschen.
Finde deinen Rhythmus, baue dir deinen Lernplan so, wie du es dir am besten einteilen kannst und falls es länger dauert, ist erstmal völlig egal. Aber wenn du es wirklich willst, dann nimm die Sache auch ernst, investiere die Zeit und belüge dich nicht selbst, so wie viele es von uns mit Sicherheit auch eine Zeit lang mal getan haben, wenn wir mal wieder keinen Bock hatten uns auf diesen öden Jurastoff einzulassen. Mir ging das ganz genauso. Und eines kann ich dir aus eigener Erfahrung versprechen: Je mehr du verstanden hast, je mehr Wissen du verinnerlicht hast, je mehr Grundlagen du beherrschst und allmählich dahinter kommst, was mit diesem Systemverständnis und "big picture" gemeint ist, von dem man uns am Anfang immer erzählst: Je besser du wirst, desto mehr erlangst du dieses Systemverständnis und je mehr Systemverständnis du hast, desto einfacher wird es, neuen Stoff zu lernen und zu verknüpfen, da du plötzlich, teilweise sogar Fächerübergreifend die Zusammenhänge des Wissens erblickst, dass du dir bis dahin nur Stumpf auf die Platte gespult hast. Und dann beginnt Jura sogar Spaß zu machen, wenn man Parallelen und Zusammenhänge sieht und es immer einfacher wird, die ganzen einzelnen Puzzleteile zu verknüpfen und zusammenzusetzen.
Geh deinen Weg, es ist deine Entscheidung. Nimm dir alle Zeit, die du brauchst. Wenn du das aber wirklich willst, dann wirst auch du es schaffen. Und deine Kinder, die dem Lernen jetzt vielleicht hinderlich sein mögen, werden demnächst dein stärkster Rückhalt und Antrieb sein, es auch wirklich zu schaffen.
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