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Anon
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Themen: 0
Registriert seit: Dec 2021
#31
30.07.2022, 12:53
(30.07.2022, 12:24)KnappvorbeiNRW schrieb:  
(29.07.2022, 13:03)Anon schrieb:  
(29.07.2022, 11:12)Gast schrieb:  
(28.07.2022, 09:56)DonJuansohn schrieb:  
(27.07.2022, 23:12)Gast schrieb:  Wie gehts das überhaupt? Was hast du im Schwerpunkt im 1. Examen und hast du im 2. verbessert?

Ich vermute, es fragt ein Studi, der merkt, dass er kein Ausnahmejurist ist und jetzt alles auf die Karte „Steuerrecht“ setzen will, um beruflich noch was reißen zu können. 

Steuerrecht ist halt so speziell, dass man es dort auch mit 4-5 Punkten zu etwas bringen kann, wenn man es denn halbwegs beherrscht.


Nein. Ich bin schon im Ref. Aber ich habe im staatlichen Teil, auf den es ankommt, nur Ausreichend. 

Es geht mir auch nicht darum möglichst viel zu verdienen. Aber wir leben nun mal im Kapitalismus. Ich bin ja dafür, dass 
die soziale Marktwirtschaft eingeführt wird. Aber das ist mit der FDP nicht zu machen.
Jedenfalls wäre ich gerne privat versichert. Und das dürfen nur Personen mit einem Einkommen ab 65.000 Euro oder
Personen, die sonst privilegiert sind. Die Politiker wollen diese Grenze immer weiter anheben, um Leistungsträger zu belohnen.
Aber ich denke, dass auch Rechtsanwälte zu den Leistungsträgern gehören.

Du hast insofern Recht, dass wir uns von der sozialen Marktwirtschaft, die sich Erhard mal ausgedacht hat, längst wegbewegt haben. Aber nicht in Richtung "Kapitalismus" wie du meinst, sondern in Richtung "Sozialimus".
In einer sozialen Marktwirtschaft nach Erhard gäbe es VIEL weniger staatliche Eingriffe und Regularien; dafür mehr Subsidiatität, getreu seinem Motto "So wenig Staat wie möglich, so viel Soziales wie nötig".
Vom Ordoliberalismus, der den Konzepten Erhards im wesentlichen zugrunde liegt, könnten wir kaum weiter entfernt sein aktuell.

Das genaue Gegenteil ist richtig. Wir haben uns weg von der sozialen Marktwirtschaft hin zu einem wesentlich weniger sozialen, dafür mehr marktwirtschaftlichen System entwickelt. 

Zunächst fand zu Erhards Zeiten wesentlich mehr Umverteilung statt. Der Spitzenstuersatz lag in den 1950er Jahren bei regelmäßig über 80%, in der Nachkriegszeit sogar darüber. Heute liegt er bei gerade mal der Hälfte. Hinzu kommt, dass es damals auch eine Vermögenssteuer gab mit der die heute zu beobachtende Akkumulation des Kapitals in den Händen einiger weniger verhindert wurde.

Auch die Sozialleistungen lagen (verglichen mit dem Lohnniveau) weit über dem, was heute gezahlt wird.

Wir entwickeln uns seit Jahrzehnten weg von einer sozial abgesicherten Marktwirtschaft hin zu einem total marktgläubigen System, das für die Schwachen nur noch das absolut Notwendige bereitstellt. Sozial ist wirklich anders. Wer also behauptet, unser heutiges System sei Sozialismus, hat weder von politischer Theorie, noch von Geschichte eine Ahnung und sollte seine Infos vielleicht nicht nur aus dem Telegram Kanal vom Wendler beziehen…


Der Unterschied war halt, dass der Spitzensteuersatz in den 60ern beim 18-fachen des durchschnittlichen Bruttolohns ansetzte; heute wird der Spitzensatz beim 1,3-fachen des durchschnittlichen Bruttolohns fällig.

Die Behauptung, dass es damals verhältnismäßig höhere Sozialleistungen gab, halte ich für groben Unfug. In den 60ern lag die Sozialleistungsquote bei ~18 %. Mittlerweile sind wir bei 33 %. Oder in absoluten Zahlen: 1970 hatten wir Sozialausgaben iHv. ~80 Milliarden Euro (umgerechnet). 1990 waren es ~395 Milliarden Euro und seit 2019 geben wir jährlich mehr als eine Billion Euro für Soziales aus.



Im Übrigen habe ich nicht behauptet, dass unser heutiges System Sozialismus sei (deswegen ja auch die Anführungszeichen in meinem Ausgangspost). Mein Punkt war, dass unser heutiges System absolut nichts mehr mit Ordoliberalismus zutun hat. Die Politik beschränkt sich längst nicht mehr darauf, einen ordnenden Rahmen vorzugeben, innerhalb dessen Wettbewerb stattfinden kann. Die Politik greift vielmehr extrem kleinteilig und auf allen Ebenen steuernd in diesen Wettbewerb ein, um ideologisch definierte Ziele zu erreichen.

Nach alledem von einem "marktgläubigen System" zu sprechen, zeugt a) von absolut marxistischer Grundeinstellung oder b) von kompletter Realitätsentkopplung. Jede Schlüsselindurstrie in diesem Land ist komplett durchreguliert. Bloße privatwirtschaftliche Organisation der einzelnen Marktteilnehmer bedeutet nicht, dass diese marktwirtschaftlich agieren. Steckt beispielsweise hinter dem privatwirtschaftlich organisiertem Krankenhaus ein System von staatlich vorgegebenen Fallpauschalen, dann findet mangels der Möglichkeit zur freien Preisbildung eben kein marktwirtschaftlicher Wettberwerb sondern schlicht etatistische Augenwischerei statt.
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 30.07.2022, 12:54 von Anon.)
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Andreas
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Themen: 20
Registriert seit: Jan 2020
#32
30.07.2022, 13:15
(30.07.2022, 12:24)KnappvorbeiNRW schrieb:  
(29.07.2022, 13:03)Anon schrieb:  
(29.07.2022, 11:12)Gast schrieb:  
(28.07.2022, 09:56)DonJuansohn schrieb:  
(27.07.2022, 23:12)Gast schrieb:  Wie gehts das überhaupt? Was hast du im Schwerpunkt im 1. Examen und hast du im 2. verbessert?

Ich vermute, es fragt ein Studi, der merkt, dass er kein Ausnahmejurist ist und jetzt alles auf die Karte „Steuerrecht“ setzen will, um beruflich noch was reißen zu können. 

Steuerrecht ist halt so speziell, dass man es dort auch mit 4-5 Punkten zu etwas bringen kann, wenn man es denn halbwegs beherrscht.


Nein. Ich bin schon im Ref. Aber ich habe im staatlichen Teil, auf den es ankommt, nur Ausreichend. 

Es geht mir auch nicht darum möglichst viel zu verdienen. Aber wir leben nun mal im Kapitalismus. Ich bin ja dafür, dass 
die soziale Marktwirtschaft eingeführt wird. Aber das ist mit der FDP nicht zu machen.
Jedenfalls wäre ich gerne privat versichert. Und das dürfen nur Personen mit einem Einkommen ab 65.000 Euro oder
Personen, die sonst privilegiert sind. Die Politiker wollen diese Grenze immer weiter anheben, um Leistungsträger zu belohnen.
Aber ich denke, dass auch Rechtsanwälte zu den Leistungsträgern gehören.

Du hast insofern Recht, dass wir uns von der sozialen Marktwirtschaft, die sich Erhard mal ausgedacht hat, längst wegbewegt haben. Aber nicht in Richtung "Kapitalismus" wie du meinst, sondern in Richtung "Sozialimus".
In einer sozialen Marktwirtschaft nach Erhard gäbe es VIEL weniger staatliche Eingriffe und Regularien; dafür mehr Subsidiatität, getreu seinem Motto "So wenig Staat wie möglich, so viel Soziales wie nötig".
Vom Ordoliberalismus, der den Konzepten Erhards im wesentlichen zugrunde liegt, könnten wir kaum weiter entfernt sein aktuell.

Das genaue Gegenteil ist richtig. Wir haben uns weg von der sozialen Marktwirtschaft hin zu einem wesentlich weniger sozialen, dafür mehr marktwirtschaftlichen System entwickelt. 

Zunächst fand zu Erhards Zeiten wesentlich mehr Umverteilung statt. Der Spitzenstuersatz lag in den 1950er Jahren bei regelmäßig über 80%, in der Nachkriegszeit sogar darüber. Heute liegt er bei gerade mal der Hälfte. Hinzu kommt, dass es damals auch eine Vermögenssteuer gab mit der die heute zu beobachtende Akkumulation des Kapitals in den Händen einiger weniger verhindert wurde.

Auch die Sozialleistungen lagen (verglichen mit dem Lohnniveau) weit über dem, was heute gezahlt wird.

Wir entwickeln uns seit Jahrzehnten weg von einer sozial abgesicherten Marktwirtschaft hin zu einem total marktgläubigen System, das für die Schwachen nur noch das absolut Notwendige bereitstellt. Sozial ist wirklich anders. Wer also behauptet, unser heutiges System sei Sozialismus, hat weder von politischer Theorie, noch von Geschichte eine Ahnung und sollte seine Infos vielleicht nicht nur aus dem Telegram Kanal vom Wendler beziehen…


Vielen Dank. Dass mit dem Spitzensteuersatz in den 50ern wusste ich zum Beispiel gar nicht. Ja, ich glaube auch, dass wir uns so sehr an das aktuelle System gewöhnt haben, dass jede Kritik daran, gleich als Versuch verklärt wird, den Sozialismus einzuführen. Ich muss aber auch sagen, dass die Kritiker teilweise einen Beitrag dazu leisten. Wenn Kühnert zum Beispiel über den Sozialismus philosophiert, ist das m.E. überhaupt nicht konstruktiv. Anstatt einen extremen Gegenpol zu vertreten, sollte man das aktuelle Wirtschaftssystem vielmehr dahingehend entlarven, dass es nicht hält, was es verspricht, und dafür sorgen, dass es hält, was es verspricht.
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Gast
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#33
30.07.2022, 13:31
Ja, dass jetzt mehr für Sozialleistungen ausgegeben wird als früher ist klar. Damals war das Wirtschaftswunder, fast jeder hatte Arbeit, jeder Lehrling konnte sich ein Haus mit Garten in der Großstadt erarbeiten ohne Überstunden und sich Urlaub am Gardasee, ein Auto und Farbfernseher leisten. Es gab gute Gehälter und wenige Arbeitslose. Die wenigen Arbeitslosen bekamen zwar pro Person mehr als ein H4 Empfänger heute, es gab aber weniger davon, also weniger Ausgaben für das Sozialleistungssystem, da noch jeder Arbeit finden konnte. Heutzutage herrscht hier die Besten- und Jugendauslese und man gibt Leuten in den 30ern oder mit 2 x a einfach keinen Job mehr, weil es für diese Klientel keine Arbeitsplätze gibt. Da hatte früher jeder Lehrling mehr als ein heutzutage Studierter ohne Job.
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Andreas
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Beiträge: 168
Themen: 20
Registriert seit: Jan 2020
#34
30.07.2022, 13:47
(30.07.2022, 12:53)Anon schrieb:  
(30.07.2022, 12:24)KnappvorbeiNRW schrieb:  
(29.07.2022, 13:03)Anon schrieb:  
(29.07.2022, 11:12)Gast schrieb:  
(28.07.2022, 09:56)DonJuansohn schrieb:  Ich vermute, es fragt ein Studi, der merkt, dass er kein Ausnahmejurist ist und jetzt alles auf die Karte „Steuerrecht“ setzen will, um beruflich noch was reißen zu können. 

Steuerrecht ist halt so speziell, dass man es dort auch mit 4-5 Punkten zu etwas bringen kann, wenn man es denn halbwegs beherrscht.


Nein. Ich bin schon im Ref. Aber ich habe im staatlichen Teil, auf den es ankommt, nur Ausreichend. 

Es geht mir auch nicht darum möglichst viel zu verdienen. Aber wir leben nun mal im Kapitalismus. Ich bin ja dafür, dass 
die soziale Marktwirtschaft eingeführt wird. Aber das ist mit der FDP nicht zu machen.
Jedenfalls wäre ich gerne privat versichert. Und das dürfen nur Personen mit einem Einkommen ab 65.000 Euro oder
Personen, die sonst privilegiert sind. Die Politiker wollen diese Grenze immer weiter anheben, um Leistungsträger zu belohnen.
Aber ich denke, dass auch Rechtsanwälte zu den Leistungsträgern gehören.

Du hast insofern Recht, dass wir uns von der sozialen Marktwirtschaft, die sich Erhard mal ausgedacht hat, längst wegbewegt haben. Aber nicht in Richtung "Kapitalismus" wie du meinst, sondern in Richtung "Sozialimus".
In einer sozialen Marktwirtschaft nach Erhard gäbe es VIEL weniger staatliche Eingriffe und Regularien; dafür mehr Subsidiatität, getreu seinem Motto "So wenig Staat wie möglich, so viel Soziales wie nötig".
Vom Ordoliberalismus, der den Konzepten Erhards im wesentlichen zugrunde liegt, könnten wir kaum weiter entfernt sein aktuell.

Das genaue Gegenteil ist richtig. Wir haben uns weg von der sozialen Marktwirtschaft hin zu einem wesentlich weniger sozialen, dafür mehr marktwirtschaftlichen System entwickelt. 

Zunächst fand zu Erhards Zeiten wesentlich mehr Umverteilung statt. Der Spitzenstuersatz lag in den 1950er Jahren bei regelmäßig über 80%, in der Nachkriegszeit sogar darüber. Heute liegt er bei gerade mal der Hälfte. Hinzu kommt, dass es damals auch eine Vermögenssteuer gab mit der die heute zu beobachtende Akkumulation des Kapitals in den Händen einiger weniger verhindert wurde.

Auch die Sozialleistungen lagen (verglichen mit dem Lohnniveau) weit über dem, was heute gezahlt wird.

Wir entwickeln uns seit Jahrzehnten weg von einer sozial abgesicherten Marktwirtschaft hin zu einem total marktgläubigen System, das für die Schwachen nur noch das absolut Notwendige bereitstellt. Sozial ist wirklich anders. Wer also behauptet, unser heutiges System sei Sozialismus, hat weder von politischer Theorie, noch von Geschichte eine Ahnung und sollte seine Infos vielleicht nicht nur aus dem Telegram Kanal vom Wendler beziehen…


Der Unterschied war halt, dass der Spitzensteuersatz in den 60ern beim 18-fachen des durchschnittlichen Bruttolohns ansetzte; heute wird der Spitzensatz beim 1,3-fachen des durchschnittlichen Bruttolohns fällig.

Die Behauptung, dass es damals verhältnismäßig höhere Sozialleistungen gab, halte ich für groben Unfug. In den 60ern lag die Sozialleistungsquote bei ~18 %. Mittlerweile sind wir bei 33 %. Oder in absoluten Zahlen: 1970 hatten wir Sozialausgaben iHv. ~80 Milliarden Euro (umgerechnet). 1990 waren es ~395 Milliarden Euro und seit 2019 geben wir jährlich mehr als eine Billion Euro für Soziales aus.



Im Übrigen habe ich nicht behauptet, dass unser heutiges System Sozialismus sei (deswegen ja auch die Anführungszeichen in meinem Ausgangspost). Mein Punkt war, dass unser heutiges System absolut nichts mehr mit Ordoliberalismus zutun hat. Die Politik beschränkt sich längst nicht mehr darauf, einen ordnenden Rahmen vorzugeben, innerhalb dessen Wettbewerb stattfinden kann. Die Politik greift vielmehr extrem kleinteilig und auf allen Ebenen steuernd in diesen Wettbewerb ein, um ideologisch definierte Ziele zu erreichen.

Nach alledem von einem "marktgläubigen System" zu sprechen, zeugt a) von absolut marxistischer Grundeinstellung oder b) von kompletter Realitätsentkopplung. Jede Schlüsselindurstrie in diesem Land ist komplett durchreguliert. Bloße privatwirtschaftliche Organisation der einzelnen Marktteilnehmer bedeutet nicht, dass diese marktwirtschaftlich agieren. Steckt beispielsweise hinter dem privatwirtschaftlich organisiertem Krankenhaus ein System von staatlich vorgegebenen Fallpauschalen, dann findet mangels der Möglichkeit zur freien Preisbildung eben kein marktwirtschaftlicher Wettberwerb sondern schlicht etatistische Augenwischerei statt.

Wenn ich dich richtig interpretiere, sind wir gar nicht soweit voneinander entfernt; nur habe ich die Erfahrung gemacht, dass diejenigen, die gegen Etatismus wettern, gleichzeitig kein Problem mit Subventionismus haben. Darüber hinaus haben Sie in der Regel auch keine Probleme damit, wenn sich die Wirtschaft selbst reguliert, wenn also ein großes Unternehmen seine Macht missbraucht, um den freien Markt zu korrumpieren, in dem es beispielsweise Innovationen verhindert. Es gilt dann das Recht des Stärkeren. Auch das in ein großer Widerspruch. Freier Markt im Sinne des Ordoliberalismus bedeutet gerade nicht, dass am Anfang ein freier Markt existiert, der dann Stück für Stück besetzt wird. Vielmehr soll dieser Markt permanent frei sein, was natürlich auch staatliche Eingriffe bedingt.
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 30.07.2022, 13:50 von Andreas.)
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Anon
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#35
30.07.2022, 14:12
(30.07.2022, 13:47)Andreas schrieb:  
(30.07.2022, 12:53)Anon schrieb:  
(30.07.2022, 12:24)KnappvorbeiNRW schrieb:  
(29.07.2022, 13:03)Anon schrieb:  
(29.07.2022, 11:12)Gast schrieb:  Nein. Ich bin schon im Ref. Aber ich habe im staatlichen Teil, auf den es ankommt, nur Ausreichend. 

Es geht mir auch nicht darum möglichst viel zu verdienen. Aber wir leben nun mal im Kapitalismus. Ich bin ja dafür, dass 
die soziale Marktwirtschaft eingeführt wird. Aber das ist mit der FDP nicht zu machen.
Jedenfalls wäre ich gerne privat versichert. Und das dürfen nur Personen mit einem Einkommen ab 65.000 Euro oder
Personen, die sonst privilegiert sind. Die Politiker wollen diese Grenze immer weiter anheben, um Leistungsträger zu belohnen.
Aber ich denke, dass auch Rechtsanwälte zu den Leistungsträgern gehören.

Du hast insofern Recht, dass wir uns von der sozialen Marktwirtschaft, die sich Erhard mal ausgedacht hat, längst wegbewegt haben. Aber nicht in Richtung "Kapitalismus" wie du meinst, sondern in Richtung "Sozialimus".
In einer sozialen Marktwirtschaft nach Erhard gäbe es VIEL weniger staatliche Eingriffe und Regularien; dafür mehr Subsidiatität, getreu seinem Motto "So wenig Staat wie möglich, so viel Soziales wie nötig".
Vom Ordoliberalismus, der den Konzepten Erhards im wesentlichen zugrunde liegt, könnten wir kaum weiter entfernt sein aktuell.

Das genaue Gegenteil ist richtig. Wir haben uns weg von der sozialen Marktwirtschaft hin zu einem wesentlich weniger sozialen, dafür mehr marktwirtschaftlichen System entwickelt. 

Zunächst fand zu Erhards Zeiten wesentlich mehr Umverteilung statt. Der Spitzenstuersatz lag in den 1950er Jahren bei regelmäßig über 80%, in der Nachkriegszeit sogar darüber. Heute liegt er bei gerade mal der Hälfte. Hinzu kommt, dass es damals auch eine Vermögenssteuer gab mit der die heute zu beobachtende Akkumulation des Kapitals in den Händen einiger weniger verhindert wurde.

Auch die Sozialleistungen lagen (verglichen mit dem Lohnniveau) weit über dem, was heute gezahlt wird.

Wir entwickeln uns seit Jahrzehnten weg von einer sozial abgesicherten Marktwirtschaft hin zu einem total marktgläubigen System, das für die Schwachen nur noch das absolut Notwendige bereitstellt. Sozial ist wirklich anders. Wer also behauptet, unser heutiges System sei Sozialismus, hat weder von politischer Theorie, noch von Geschichte eine Ahnung und sollte seine Infos vielleicht nicht nur aus dem Telegram Kanal vom Wendler beziehen…


Der Unterschied war halt, dass der Spitzensteuersatz in den 60ern beim 18-fachen des durchschnittlichen Bruttolohns ansetzte; heute wird der Spitzensatz beim 1,3-fachen des durchschnittlichen Bruttolohns fällig.

Die Behauptung, dass es damals verhältnismäßig höhere Sozialleistungen gab, halte ich für groben Unfug. In den 60ern lag die Sozialleistungsquote bei ~18 %. Mittlerweile sind wir bei 33 %. Oder in absoluten Zahlen: 1970 hatten wir Sozialausgaben iHv. ~80 Milliarden Euro (umgerechnet). 1990 waren es ~395 Milliarden Euro und seit 2019 geben wir jährlich mehr als eine Billion Euro für Soziales aus.



Im Übrigen habe ich nicht behauptet, dass unser heutiges System Sozialismus sei (deswegen ja auch die Anführungszeichen in meinem Ausgangspost). Mein Punkt war, dass unser heutiges System absolut nichts mehr mit Ordoliberalismus zutun hat. Die Politik beschränkt sich längst nicht mehr darauf, einen ordnenden Rahmen vorzugeben, innerhalb dessen Wettbewerb stattfinden kann. Die Politik greift vielmehr extrem kleinteilig und auf allen Ebenen steuernd in diesen Wettbewerb ein, um ideologisch definierte Ziele zu erreichen.

Nach alledem von einem "marktgläubigen System" zu sprechen, zeugt a) von absolut marxistischer Grundeinstellung oder b) von kompletter Realitätsentkopplung. Jede Schlüsselindurstrie in diesem Land ist komplett durchreguliert. Bloße privatwirtschaftliche Organisation der einzelnen Marktteilnehmer bedeutet nicht, dass diese marktwirtschaftlich agieren. Steckt beispielsweise hinter dem privatwirtschaftlich organisiertem Krankenhaus ein System von staatlich vorgegebenen Fallpauschalen, dann findet mangels der Möglichkeit zur freien Preisbildung eben kein marktwirtschaftlicher Wettberwerb sondern schlicht etatistische Augenwischerei statt.

Wenn ich dich richtig interpretiere, sind wir gar nicht soweit voneinander entfernt; nur habe ich die Erfahrung gemacht, dass diejenigen, die gegen Etatismus wettern, gleichzeitig kein Problem mit Subventionismus haben. Darüber hinaus haben Sie in der Regel auch keine Probleme damit, wenn sich die Wirtschaft selbst reguliert, wenn also ein großes Unternehmen seine Macht missbraucht, um den freien Markt zu korrumpieren, in dem es beispielsweise Innovationen verhindert. Es gilt dann das Recht des Stärkeren. Auch das in ein großer Widerspruch. Freier Markt im Sinne des Ordoliberalismus bedeutet gerade nicht, dass am Anfang ein freier Markt existiert, der dann Stück für Stück besetzt wird. Vielmehr soll dieser Markt permanent frei sein, was natürlich auch staatliche Eingriffe bedingt.

Prost
Subventionismus ist Sozialismus für Reiche. Und derart marktbeherrschende, korrumpierte Unternehmen sind in meiner Welt auch nur quasi-staatliche Akteure. Die Entscheidungsträger in solchen Unternehmen sind völlig abgekoppelt vom unternehmerischen Risiko, die langjährigen und unkündbaren Angestellten sind Quasi-Beamte und die Einflussnahme auf die Politik ist gigantisch. Aus diesem Grund sind die meisten Großkonzerne ja auch FÜR mehr Regulierung. Weil sie genau wissen, dass genug Regulierung und Bürokratie den Mittelstand zerlegt; d.h. weniger Konkurrenz für die Großen.
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